Was ich von ihr weiß:
ein Prestige Contemporary European

Als ich Was ich von ihr weiß begonnen habe, hatte ich sehr schnell das Gefühl, einen Roman zu lesen, der sich unglaublich leicht und fließend lesen lässt. Es ist eines dieser Bücher, die einen ständig zur nächsten Seite ziehen. Die Leseerfahrung war angenehm, aber je weiter ich kam, desto stärker stellte sich für mich die Frage, was genau diesen Roman eigentlich so besonders macht, dass er derart gefeiert und ausgezeichnet wurde. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass die eigentliche Stärke des Buches nicht seine Handlung, sondern seine Sprache und sein Erzählfluss sind.
Der Roman besitzt eine sehr kontrollierte, flüssige Prosa. Er wird weder prätentiös schwer noch verfällt er in leblose Einfachheit. Interessant fand ich dabei, dass diese Qualität selbst in der Übersetzung erhalten geblieben ist. Ich habe sowohl die deutsche als auch die persische Übersetzung gelesen, und in beiden Fassungen blieb die Erzählung gleichermaßen natürlich und fließend. Das deutet für mich darauf hin, dass die eigentliche Kraft des Textes weniger in unübersetzbaren sprachlichen Feinheiten liegt, sondern vielmehr im Rhythmus und in der Konstruktion der Erzählung.
Genau dort beginnt allerdings auch mein Problem mit dem Buch. Für mich erzeugt der Roman eher eine Stimmung, als dass er eine wirklich tiefgehende Idee oder eine erschütternde narrative Struktur entwickelt. Die melancholische Atmosphäre, das Gefühl von Verlust, verpasster Zeit, unerfüllter Liebe, sozialer Distanz sowie die Verbindung zwischen Kunst und Macht sind durchaus gelungen. Trotzdem hatte ich am Ende nicht das Gefühl, zu einer wirklichen Erkenntnis oder emotionalen Explosion gelangt zu sein. Selbst einen klaren, starken Höhepunkt besitzt der Roman meiner Meinung nach nicht. Die Zerfälle und Verluste geschehen schleichend, aber nicht auf eine Weise, die mich nachhaltig erschüttert hätte.
Für mich war das Buch deshalb eher eine handwerklich sehr gut konstruierte Leseerfahrung als ein Werk, dessen zentrale Idee mich wirklich bewegt hätte. Gleichzeitig lässt sich nachvollziehen, warum genau solche Romane im europäischen Literaturbetrieb und bei Literaturpreisen erfolgreich sind. Das Buch besitzt nahezu alle Merkmale eines prestigeträchtigen zeitgenössischen europäischen Romans:
eine starke Atmosphäre, eine polished wirkende Sprache, Erinnerung und Vergangenheit, Kunst und soziale Klasse, verletzte Figuren, und eine kontrollierte Melancholie, die niemals vollständig melodramatisch wird.
Einige symbolische und historische Elemente des Romans wirkten auf mich jedoch zu sichtbar und zu bewusst inszeniert. Besonders deutlich wurde das für mich bei den Passagen rund um den „ewigen Juden“ und den Monologen über jüdische Erinnerung und historisches Leid. Diese Stellen fühlten sich für mich nicht organisch an. Vielmehr entstand der Eindruck, als hätte der Autor das Gefühl gehabt, dass ein Roman, der im faschistischen Italien spielt, zwangsläufig jüdische Verfolgung und historische Traumata thematisieren müsse, um nicht moralisch oder historisch unvollständig zu wirken.
Dadurch wirkten manche dieser Momente für mich weniger wie echte Tiefe als vielmehr wie relativ aufgesetzte Symbolik. Gerade die sehr bewusst formulierten Monologe über Geschichte und kollektives Leid hatten auf mich stellenweise den Eindruck, als würde der Autor plötzlich selbst hinter dem Text hervortreten, um „bedeutende Literatur“ zu produzieren. In diesen Momenten hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass die Figuren sprechen, sondern dass der Autor dem Roman zusätzliches historisches und philosophisches Gewicht verleihen möchte.
Für manche Leserinnen und Leser mögen genau diese Passagen Ausdruck literarischer Tiefe sein. Für mich überschritten sie jedoch die Grenze zwischen Bedeutung und Inszenierung.
Gleichzeitig besitzt der Roman ohne Zweifel eine starke feministische Ebene. Besonders in jenen Dialogen, die strukturelle Gewalt gegen Frauen thematisieren. Eine der zentralen Aussagen des Buches, in der Viola sagt:
„Es gibt keine Männer mit großem M. Ihr seid alle Männer mit kleinem m.“
zeigt sehr deutlich, dass der Roman nicht nur von Liebe erzählt, sondern auch von Machtstrukturen, Erniedrigung und dem langsamen Ersticken weiblicher Existenz.
Interessant ist allerdings, dass der Roman gleichzeitig teilweise genau in jenem male gaze gefangen bleibt, den er kritisiert. Viola erscheint in vielen Momenten eher als geheimnisvolle, beinahe mythische Figur denn als vollständig greifbarer Mensch mit eigener Innenwelt. Wir lernen sie überwiegend durch die Erinnerung und Wahrnehmung eines Mannes kennen, der von ihr fasziniert ist. Dadurch tut der Roman gleichzeitig zwei Dinge: Er nimmt Frauen ernst, kritisiert patriarchale Gewalt, und verwandelt die weibliche Figur dennoch teilweise wieder in eine Projektion und ein unerreichbares Rätsel. Vielleicht ist genau diese Ambivalenz der Grund dafür, warum viele Leserinnen und Leser den Roman als besonders literarisch und komplex wahrnehmen.
Wenn ich den Roman am Ende ehrlich zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass seine eigentliche Stärke für mich weder in seiner Handlung noch in seiner Symbolik oder philosophischen Tiefe lag. Sein wahrer Wert liegt für mich im handwerklichen Können: im Rhythmus, Erzählfluss, in der Fähigkeit, Leserinnen und Leser konstant mitzunehmen, und darin, eine fließende, angenehme Leseerfahrung zu schaffen, die selbst durch die Übersetzung kaum beschädigt wird.
Auf der Ebene der Ideen und der inhaltlichen Tiefe blieb der Roman für mich jedoch hinter dem zurück, was die enorme Begeisterung und die vielen Auszeichnungen erwarten ließen.