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German Version

Über das Durchhalten

Was Geschichten uns lehren, wenn es keine Hoffnung mehr gibt

Wenn ich gestresst bin, flüchte ich mich in Geschichten, in Bücher oder Filme.
Wird der Stress zu groß, greife ich zu vertrauten Erzählungen. Zu Dingen, die ich schon hundertmal gelesen oder gesehen habe. Mein Gehirn hält dann keine zusätzliche Spannung, keine weitere Unsicherheit mehr aus.

Zum hundertsten Mal nehme ich mein Handy in die Hand, scrolle durch Telegram-Kanäle und Instagram-Stories, sehe die schmerzhaften Bilder und Videos aus Iran und lege das Handy wieder weg. Ich bin unruhig. Gereizt. Ich lege mich erneut vor den Fernseher.

Das Heer des Westens steht vor dem Schwarzen Tor von Mordor. Das Tor öffnet sich, und eine endlose Masse von Orks strömt auf sie zu. Aragorn wendet sich an sein Heer:

Haltet stand. Bleibt fest.
Söhne Gondors und Kinder Rohans, meine Brüder.
In euren Augen sehe ich dieselbe Furcht, die auch mein eigenes Herz ergriffen hat. Es mag ein Tag kommen, an dem der Mut der Menschen zerbricht, an dem wir unsere Freunde verlassen und die Bande der Gemeinschaft lösen. Doch dieser Tag ist nicht heute. Es mag die Stunde schlagen, in der die Wölfe herrschen und die Schilde zerschmettert werden, in der das Zeitalter der Menschen mit lautem Geschrei zu Ende geht. Doch dieser Tag ist nicht heute. Heute kämpfen wir.
Im Namen all dessen, was euch auf dieser guten Erde lieb und teuer ist, bitte ich euch, standzuhalten, ihr Männer des Westens.

Das Heer der Orks scheint kein Ende zu haben. Das Heer des Westens hat keine Chance gegen sie. Und dennoch kämpfen sie weiter. Sie kämpfen so lange, bis Frodo seine Aufgabe erfüllt, bis die Dunkelheit ein Ende findet.

Ich denke oft darüber nach, was in einer Zeit unendlichen Verfalls, in absoluter Dunkelheit, in Hoffnungslosigkeit, bei verschlossenen Türen, Fenstern und Auswegen, die Aufgabe gewöhnlicher Menschen ist. Dort, wo jede Form des Widerstands scheinbar nur in eine noch größere Katastrophe führt. Dort, wo die Toten so zahlreich sind, dass selbst das Leben mit Scham belegt ist. Was ist die Aufgabe der Lebenden?

Theodor W. Adorno sagte einmal, ein Satz, der in diesen Tagen häufig zitiert wird: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch.
Ich aber denke an die unzähligen Gefangenen in jenem Todeslager, in dem keine Hoffnung mehr existierte. Ich frage mich, was die Aufgabe des Menschen in der Gefangenschaft der Zerstörung ist.

Es gibt eine Szene in Schindlers Liste. Ein Tag beginnt wie alle anderen. Das Lager, die Gefangenen, die Toten, die Dunkelheit – alles ist wie zuvor. Nur eines ist anders. Plötzlich sind die Gefangenen keine Gefangenen mehr.

Ehrlich gesagt glaube ich, dass Adorno und jene, die wie er meinen, Literatur verliere in Zeiten des Massenmords ihre Legitimität, nicht genug Geschichten gelesen haben. Viele Menschen halten das Lesen von Geschichten nicht für echtes Lesen. Dabei leben wir in einer Welt, in der, wenn es auf jede Frage eine Antwort gibt, diese Antwort in Geschichten zu finden ist. Wenn es einen einzigen Ort gibt, an dem Literatur legitim ist, dann ist es die Zeit der Herrschaft der Dunkelheit.

Wer viel liest, weiß, dass in den meisten Geschichten und Epen eines gemeinsam ist: der hoffnungslose Kampf. Männer und Frauen, die in völliger Finsternis, ohne Aussicht auf Rettung, nicht aufhören zu kämpfen.

Die letzte Schlacht folgt in Geschichten fast immer demselben Muster und besteht aus vier Elementen:

Erstens: der vollständige Zusammenbruch strategischer Hoffnung. Es gibt keine Verstärkung, keinen klugen Plan mehr. Der Tod ebbt nicht ab, im Gegenteil, er zieht seine Schlinge mit jedem Moment enger.

Zweitens: der Kampf geht weiter, unabhängig vom Glauben der Figuren. Es gibt keinerlei Hoffnung auf Sieg, als wäre Nichtkämpfen schrecklicher als der Tod. Das Kämpfen selbst wird zur Tugend, nicht sein Ausgang.

Drittens: die erzählerische Zeit dehnt diesen letzten Widerstand so sehr, dass die Lesenden sich selbst darin gefangen fühlen, als sei die Zeit stehen geblieben.

Viertens: der entscheidende Moment. Eine plötzliche Handlung zerschlägt die gesamte Wucht des Schreckens. Der Sieg ist nicht graduell, sondern eine abrupte Umkehr. Niemand weiß, dass dieser Moment kommen wird. Die Befreiung tritt so unerwartet ein, dass sie beinahe ungerecht und wundersam erscheint.

Und doch ist dieser Sieg weder ungerecht noch ein Wunder. Frodo zerstört den Ring, weil es seine Aufgabe ist. Auschwitz ist plötzlich frei von Nazi-Soldaten, weil an einem anderen Ort ein anderer Krieg entschieden wurde. In der Schlacht von Winterfell kämpfen die Lebenden die ganze Nacht gegen das Heer der Toten, bis Arya anderswo den Nachtkönig tötet – mit einem Dolch, der den gesamten Weg der Geschichte zurückgelegt hat, um in ihre Hand zu gelangen. In der letzten Szene der Schlacht von Hogwarts ist die Schule eine Ruine. Kinder kämpfen gegen erfahrene Mörder. Die Toten häufen sich sinnlos. Und das Entscheidende ist: Die meisten wissen nicht einmal von der Existenz der Horkruxe, geschweige denn davon, ob ein Sieg logisch oder rechnerisch möglich ist. Und dennoch kämpfen sie weiter, damit Harry seine Aufgabe erfüllen kann.

Es gibt kein Wunder. Während andere in einem Krieg kämpfen, dessen Sieg nicht vorstellbar ist, halten sie durch, bis jener Moment eintritt. Der Moment, in dem jemand anders, an einem anderen Ort, seine Aufgabe erfüllt. Selbst wenn sie nichts davon wissen. Selbst wenn sie keine Hoffnung darauf haben.

Viele Menschen fragen sich im Angesicht des Heeres des Todes, was den Lebenden außer Trauer noch bleibt. Viele Iranerinnen und Iraner fragen sich angesichts all dieser Toten und dieses Friedhofs von der Größe eines Landes, was zu tun ist. Ich habe meine Antwort in Geschichten gefunden.

Geschichten versprechen uns nicht, dass Durchhalten belohnt wird. Aber sie lehren uns, dass Verschwinden und Auslöschung nicht freiwillig geschehen dürfen. Literatur vermittelt Standhaftigkeit für jene Momente, in denen der Wille bereits zerbrochen ist, nicht als dauerhafte politische Moral. Überleben ist in der Literatur selten ein Sieg. Es ist die Aufschiebung der Vernichtung.

Man muss am Leben bleiben und für das Überleben kämpfen. Denn das Verlassen des Feldes bedeutet, sich jener Welt zu fügen, die das Heer der Finsternis will. Ab einem bestimmten Punkt ist unsere Aufgabe nicht mehr Optimismus, nicht Hoffnung, nicht Aufstand oder Kampf.
Die Aufgabe ist, dem Sinn nicht untreu zu werden.
Bleiben. Ausharren. Überleben. Leben.
Um jeden Preis.
Denn wenn nichts mehr auf Besserung hindeutet und keine Öffnung mehr vorstellbar ist, besteht die Aufgabe nicht im Glauben, sondern darin, nicht zu verschwinden.

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