
Iran's Grand Strategy von Vali Nasr gehört für mich zu den besten Büchern, die ich in den vergangenen Jahren über die iranische Außenpolitik gelesen habe. Sein größter Wert liegt für mich nicht darin, die endgültige Wahrheit über den Iran zu liefern, sondern darin, den Leser aus der vertrauten medialen Perspektive herauszuführen und einen anderen analytischen Blick auf das Verhalten des Landes zu eröffnen.
Nasr versucht, die iranische Außenpolitik weder ausschließlich durch die Brille der Ideologie noch allein als Reaktion auf den Konflikt mit den USA zu erklären. Stattdessen analysiert er sie als die Grand Strategy eines Staates. Er zeigt, dass sich viele Entscheidungen der Islamischen Republik nicht allein aus ideologischen Überzeugungen ableiten lassen. Die Erfahrungen des Iran-Irak-Krieges, sicherheitspolitische Bedrohungswahrnehmungen, Abschreckung und das Streben nach staatlichem Überleben haben die iranische Außenpolitik wesentlich geprägt.
Gerade darin liegt zugleich die Stärke und die Grenze des Buches. Nasr betrachtet den Iran bewusst als einen rational handelnden Akteur. Diese Perspektive hilft dabei, viele außenpolitische Entscheidungen besser zu verstehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass interne Machtkämpfe, ideologische Faktoren oder strategische Fehlkalkulationen stellenweise weniger Gewicht erhalten, als sie tatsächlich besitzen. Dennoch bleibt sein analytischer Ansatz wertvoll, weil er den Leser zunächst dazu anhält, die Logik der iranischen Entscheidungsträger nachzuvollziehen, bevor er sie bewertet.
Für mich war eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches, dass der Iran als religiös geprägter Staat nicht unterschätzt werden sollte. Das hat nichts mit Zustimmung oder Ablehnung gegenüber der Islamischen Republik zu tun, sondern mit analytischer Sorgfalt. Wer ein politisches System allein aufgrund seines religiösen oder ideologischen Charakters automatisch für irrational, rückständig oder handlungsunfähig hält, erhöht das Risiko schwerer Fehleinschätzungen. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass auch ideologisch oder religiös geprägte Staaten hochentwickelte Sicherheitsapparate, Nachrichtendienste und militärische Strukturen aufbauen können.
Meiner Ansicht nach trägt ein Teil des westlichen Diskurses zudem unbeabsichtigt zur Entmenschlichung des Iran bei. In deutschen Medien und auch in der politischen Kommunikation wird häufig der Begriff „Mullah-Regime“ verwendet. Dieser Ausdruck ist weniger eine präzise Beschreibung als vielmehr ein politisches Schlagwort mit abwertender Konnotation. Weder bestehen alle maßgeblichen Entscheidungsträger des Iran aus Geistlichen, noch bedeutet eine religiöse Ausbildung automatisch mangelnde Kompetenz oder fehlende Intelligenz. Vor allem aber vermittelt dieser Begriff ein stark vereinfachtes Bild der Realität.
Das eigentliche Problem solcher Begriffe besteht nicht nur in ihrer abwertenden Wirkung, sondern auch darin, dass sie analytisch irreführend sind. Sie reduzieren den Iran auf einige wenige Geistliche an der Staatsspitze und blenden das komplexe Zusammenspiel staatlicher Institutionen, militärischer und diplomatischer Strukturen, wirtschaftlicher Organisationen sowie technischer Expertise aus. Der Iran ist ein Land mit Millionen von Einwohnern, umfangreicher Infrastruktur, einer gewachsenen Bürokratie, hochqualifizierten Fachkräften und jahrzehntelanger Erfahrung darin, einen Staat unter massivem Sanktionsdruck und ständigen sicherheitspolitischen Bedrohungen funktionsfähig zu halten. Unabhängig davon, wer an der Spitze des politischen Systems steht, arbeiten täglich Millionen Menschen in Ministerien, Universitäten, Krankenhäusern, Raffinerien, Kraftwerken, Industriebetrieben und Verkehrsnetzen daran, das Land am Laufen zu halten. Diese Realität auszublenden ist nicht nur ein moralisches Problem, sondern auch ein strategischer Fehler.
Sobald ein Land auf eine Karikatur reduziert wird, leidet auch die Qualität seiner Analyse. Wenn der Iran lediglich als „Mullah-Regime“ verstanden wird, geraten die Rolle staatlicher Institutionen, der Bürokratie, der Technokraten, der Sicherheitsstrukturen, der historischen Erfahrungen und der technischen Fähigkeiten des Landes aus dem Blick. Daraus kann die Fehlannahme entstehen, ein Staat wie der Iran werde innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Die Realität ist deutlich komplexer.
Genau darin liegt für mich der größte Wert von Nasrs Buch. Es versucht, den Iran so zu analysieren, wie er tatsächlich ist, und nicht so, wie er in vielen medialen Narrativen dargestellt wird. Das bedeutet keineswegs, alle Entscheidungen oder politischen Positionen der Islamischen Republik zu rechtfertigen. Es bedeutet lediglich, zunächst die Logik ihres Handelns verstehen zu wollen.
Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus diesem Buch mitgenommen habe, lautet daher: Wer das Verhalten eines Staates verstehen möchte, muss ihn zunächst so analysieren, wie er ist, und nicht so, wie man ihn gerne sehen würde oder wie man ihn sich vorstellt. Genau deshalb halte ich dieses Buch für so wertvoll. Nicht weil es die endgültige Antwort liefert, sondern weil es die Qualität der Fragen verbessert, die wir an den Iran stellen, und dazu beiträgt, die eigene mediale Filterblase zu verlassen.