Still Born 

Das Fremde im eigenen Nest

Still Born von Guadalupe Nettel (Deutsch: Die Tochter) ist ein Roman, der sich konsequent einfachen Antworten entzieht. Vordergründig erzählt er von Freundschaft, Mutterschaft und weiblichen Lebensentwürfen, tatsächlich bewegt sich das Buch jedoch auf einer viel unbequemeren Grenze: der Frage, ob Mutterschaft ein gesellschaftlich und biologisch eingeschriebenes Schicksal ist oder etwas, das sich von biologischer Reproduktion lösen und als fluide Form von Fürsorge neu denken lässt.

Gerade diese Unentschlossenheit macht den Roman so interessant. Die beiden Hauptfiguren verkörpern dabei keine einfachen Gegensätze. Alina entscheidet sich für ein Kind und wird mit der permanenten Angst konfrontiert, ein verletzliches Leben schützen zu müssen. Laura hingegen lehnt das klassische Mutterbild zunächst bewusst ab. Doch der Roman unterläuft diese klare Trennung zunehmend. Auch Laura gerät in Beziehungen der Fürsorge, Verantwortung und emotionalen Bindung.

Und genau hier beginnt die Ambivalenz des Romans. Man kann das Buch so lesen, dass Frauen letztlich immer wieder in eine mütterliche Rolle zurückgezogen werden, unabhängig davon, ob sie sich biologisch für Kinder entscheiden oder nicht. In dieser Lesart wirkt Mutterschaft beinahe wie eine anthropologische Konstante weiblicher Existenz. Das wäre eine durchaus konservative und nicht unproblematische Perspektive, weil sie Fürsorge erneut als quasi natürliche Bestimmung von Frauen erscheinen lässt.

Genauso möglich ist jedoch eine zweite Lesart: Der Roman erweitert den Begriff von Mutterschaft bewusst über die biologische Ebene hinaus. Fürsorge wird hier nicht als Eigenschaft der Gebärmutter verstanden, sondern als menschliche Fähigkeit zur Bindung und Verantwortung. Muttersein wäre dann kein Zustand, sondern eine Beziehung.

Nettel entscheidet sich nie vollständig für eine dieser Perspektiven. Der Roman bleibt bewusst in diesem Spannungsraum. Besonders deutlich zeigt sich das im wiederkehrenden Motiv des Kuckuckseis im Taubennest. Dieses Bild lässt sich zunächst relativ direkt lesen: Ein Lebewesen wird von jemandem großgezogen, der nicht seine biologische Mutter ist. Damit verweist der Roman erneut auf Formen nicht-biologischer Mutterschaft.

Doch auch hier bleibt die Symbolik instabil. Das Kuckuckskind ist zugleich Teil des Nestes und ein Fremdkörper. Es gehört hinein und stört dennoch die Ordnung des Bestehenden. Dadurch bekommt das Motiv eine zweite Bedeutungsebene: Nicht nur Mutterschaft, sondern generell Nähe und Bindung erscheinen im Roman als etwas zutiefst Verunsicherndes. Menschen treten in das Leben anderer ein, verändern dessen Struktur und machen eine Rückkehr zum vorherigen Zustand unmöglich.

Interessant ist dabei, dass Nettel Natur nie romantisiert. Die Tiermotive in ihrem Roman wirken nicht warm oder versöhnlich, sondern oft irritierend und beinahe kühl beobachtet. Der Kuckuck handelt nicht „böse“, sondern folgt schlicht einer Überlebensstrategie. Gerade dadurch entsteht die unangenehme Frage, ob auch menschliche Vorstellungen von Mutterinstinkt, Bindung und Fürsorge weniger idealistisch und vielleicht stärker biologisch geprägt sind, als wir gerne glauben möchten.

Vielleicht liegt die Stärke von Still Born genau darin, diese Widersprüche nicht aufzulösen. Der Roman verweigert die beruhigende Eindeutigkeit. Er feiert Mutterschaft nicht, lehnt sie aber ebenso wenig ab. Stattdessen zeigt er Fürsorge als etwas Schönes, Erschöpfendes, Bedrohliches und zutiefst Menschliches zugleich.

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