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Deutsche Version

Sprache der Ausgrenzung, Politik der Einheit

Sind die wiederkehrenden faschistischen Symbole wirklich Zufall?

In diesen Tagen versuche ich mehr zu beobachten als zu handeln. Zum einen, weil ich möchte, dass der Raum den Namen und Geschichten der Getöteten gehört. Zum anderen, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, dass man Bewegungen oft von außen klarer erkennt. Von innen löst man sich leicht in kollektiver Emotion auf, und so sehr dieses Aufgehen Hoffnung und Willenskraft stärken kann, von außen lassen sich Muster deutlicher sehen.

Was ich von außen wahrnehme, erinnert mich auf erschreckende Weise an Dinge, die die Geschichte bereits kennt.

Im Europa des 20. Jahrhunderts zeigten sich die Warnzeichen lange bevor die Katastrophen Gestalt annahmen, in Form von Lagern, Krieg und Völkermord. Historiker und Politikwissenschaftler betonen, dass Faschismus selten mit einem Putsch oder einer offiziellen Machterklärung beginnt. Im nationalsozialistischen Deutschland kam er zuerst mit Einheitsparolen, mit dem Versprechen nationaler Größe, mit der Konstruktion innerer Feinde, mit Führerkult und mit der Verwandlung von Politik in kollektive Emotion. Und er verbreitete sich schnell.

Im Italien Mussolinis wiederholte sich dasselbe Muster: Nostalgie für eine angeblich glorreiche Vergangenheit, Verherrlichung von Macht, Delegitimierung von Opposition und die Ersetzung von Dialog durch Machtdemonstration.

In Politikwissenschaft und Geschichtsschreibung gilt Faschismus nicht als bloßes historisches Regime, sondern als Denk- und Verhaltensmuster. Umberto Eco beschreibt in seinem Essay über den „Ur-Faschismus“, dass Faschismus aus einer Reihe von Merkmalen besteht, nicht aus einer festen Form: Ablehnung von Vielfalt, Fixierung auf Einheit, innere Feindbilder, Autoritätsverehrung und die Emotionalisierung von Politik. Seiner Ansicht nach kann Faschismus auch in neuen Formen auftreten, ohne Uniformen oder Militärparaden.

Hannah Arendt zeigt in ihrer Analyse totalitärer Systeme, dass vor offener Gewalt zuerst die Sprache kippt: Realität wird vereinfacht, die Grenze zwischen „wir“ und „sie“ wird geschärft, Individualität löst sich in kollektiver Identität auf. Für sie bilden der schrittweise Abbau kritischen Denkens und die Normalisierung von Gehorsam den Kern autoritärer Herrschaft.

Roger Griffin definiert Faschismus als eine Form von „palingenetischem Nationalismus“, getragen vom Mythos nationaler Wiedergeburt: das Versprechen, verlorene Größe zurückzuholen, verbunden mit der Ausgrenzung jener, die als Hindernis dieser Erneuerung gelten.

Zusammengefasst lässt sich Faschismus so beschreiben als ein politisches Muster, in dem:

  • Vielfalt als Bedrohung gilt
  • Einheit über individuelle Rechte gestellt wird
  • eine zentrale Figur oder ein Symbol verehrt wird
  • Opposition delegitimiert wird
  • eine idealisierte Vergangenheit konstruiert wird, um eine komplexe Gegenwart zu vereinfachen

In klassischer Form sahen wir diese Logik im Deutschland Hitlers und im Italien Mussolinis.

Viele sagen, jetzt sei nicht der Moment für solche Analysen, besonders solange die Opfer noch nicht einmal begraben sind und die Macht der Herrschenden ungebrochen scheint. Doch die Wahrheit ist: Faschismus beginnt nie plötzlich. Zuerst verändert sich die Sprache. Dann wird die Grenze zwischen „wir“ und „sie“ schärfer. Dann wird Kritik zu Verrat. Am Ende erscheint Ausgrenzung normal.

Gerade deshalb muss man innehalten und genauer hinschauen, auch wenn es sich unpassend anfühlt. Faschismus ist nicht nur ein historisches Kapitel. Er ist ein politisches Denkmodell, in dem Vielfalt zur Gefahr erklärt wird, Führer verehrt werden, Gegner delegitimiert und „Einheit“ zum Werkzeug der Ausgrenzung wird.

Ich ziehe hier keinen direkten historischen Vergleich. Heute ist nicht gestern. Ich spreche über Machtlogik. Und aus dieser Perspektive sind die Parallelen beunruhigend.

Hier lohnt es sich, auf die Sprache selbst zu achten.

Ein Slogan wie „eine Nation, ein Land, eine Flagge“ ist keine harmlose oder bloß patriotische Formel. In seiner Struktur erinnert er direkt an den zentralen Leitspruch des Nationalsozialismus: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Es geht nicht um Wortgleichheit, sondern um Architektur. Diese Sprachform reduziert eine vielfältige Gesellschaft auf einen „einzigen Körper“, zieht symbolische Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“ und deutet Unterschiede implizit als Störung der Einheit. Genau so funktioniert faschistische Sprache: Sie tilgt Komplexität, vereinfacht Realität und verwandelt Politik in starre Formeln.

In einer Sprache wie dem Persischen, mit ihrem Reichtum an Metaphern, Poesie, Mythen und Ausdrucksmöglichkeiten, kann die bewusste oder unbewusste Übernahme eines so rigiden Musters kaum Zufall sein.

Für mich ist das eine klare Entscheidung. Sie zeigt, dass die Sprache dieser Bewegung nicht neutral ist. Wenn eine Bewegung Ausdrucksformen autoritärer Traditionen übernimmt, importiert sie zwangsläufig auch deren Machtlogik.

Diese Logik zeigt sich nicht nur in Parolen, sondern auch in Gestik, Stimme und politischer Imagination. Ein Beispiel ist die Rede einer Frau bei einer Kundgebung in Österreich. Aussprache, Tonfall, Rhythmus und direkte Ansprache der „Nation“ erinnerten viele deutschsprachige Zuhörer, besonders ältere Deutsche, unwillkürlich an den Stil Hitlers. Solche Momente verschwinden schnell im Strom der Ereignisse, doch sie sind nicht belanglos. Es geht nicht um bewusste Nachahmung einzelner Personen. Es geht darum, dass Körper, Stimme und politische Sprache auf Muster zurückgreifen, die historisch schwer belastet sind: emotionale Mobilisierung, direkte Anrufung des „Volkes“ und die Aufhebung kritischer Distanz.

Gleichzeitig wird auch die Vorstellung der Zukunft geprägt. Im öffentlichen Diskurs dieser Bewegung begegnet man ständig Rufen nach Vergeltung, Forderungen, Menschen an die SAVAK (der Geheimdienst des Schah-Regimes, berüchtigt für Folter und politische Repression) zu übergeben, dem Tragen von SAVAK-Flaggen bei Demonstrationen und sogar frühzeitigen Bekundungen, man wolle Mitglied oder Leiter dieses Apparates werden. Gleichzeitig fehlt fast vollständig jede Begeisterung für den Aufbau von Institutionen wie Kultur-, Wirtschafts-, Bildungs- oder Industrieministerien, also jener Strukturen, die das reale Leben nach der Befreiung gestalten müssten.

Auch das ist kein Zufall. Wenn kollektive Energie stärker in die Vorstellung zukünftiger Repressionsapparate fließt als in soziale Rekonstruktion, dann bewegt sich Machtlogik schneller als gesellschaftlicher Wiederaufbau.

Die Ähnlichkeit liegt nicht im äußeren Erscheinungsbild, sondern in der inneren Logik: in der Sprache der Ausgrenzung, in der Sakralisierung von Einheit und in der Umdeutung von Kritik zu Bedrohung.

Ein Blick auf aktuelle Beispiele reicht. Im letzten Video von Ali Bandari ist deutlich zu sehen, wie vorsichtig formuliert wird, wie Themen bewusst gewählt werden und wie scharfe Positionierungen vermieden werden. Dasselbe gilt für Interviews mit Parastou Forouhar oder Amir Hassan Cheheltan. Man spürt die bewusste Anstrengung, über menschliche und intellektuelle Fragen zu sprechen, ohne in aggressive Lagerbildung zu geraten.

Und dennoch bleiben sie nicht verschont von persönlichen Angriffen, digitalen Kampagnen und gnadenlosen Etikettierungen. Es wirkt, als richte sich ein beträchtlicher Teil der „Bewegungsenergie“ gegen kritische Stimmen aus den eigenen Reihen.

Das ist mehr als Meinungsverschiedenheit. Es entsteht ein Klima, in dem selbst vorsichtige, unabhängige Stimmen keinen Schutz genießen. Die Folge ist absehbar: Menschen lernen, sich vorab zu zensieren, gedankliche Kanten abzuschleifen, „ungefährliche“ Themen zu wählen oder letztlich Schweigen dem Konflikt vorzuziehen.

Parallel dazu verschiebt sich das Gewicht: Laut werden jene, die Parolen reproduzieren. Leiser werden jene, die versuchen zu denken, Komplexität sichtbar zu machen und Fragen zu stellen. Nicht durch offizielle Anordnungen, sondern durch sozialen Druck.

Das ist der Moment, in dem Propaganda Denken ersetzt. Nicht weil alle es wollen, sondern weil das Umfeld so gestaltet wird, dass Nachdenken einen Preis hat.

Dieser Text richtet sich nicht gegen eine bestimmte Bewegung oder Gruppe. Er kritisiert Methoden. Er ist ein Versuch, etwas zu schützen, das leicht verloren geht: die Fähigkeit zu denken, unterschiedlicher Meinung zu sein und zusammenzubleiben, ohne einander auszulöschen.

Für mich geht es in dieser Phase nicht einmal primär um Monarchie oder Republik. Es geht darum, ob der Mensch vor der Flagge steht oder dahinter.

Wenn wir heute nicht sensibel sind gegenüber Ausgrenzungssprache, Einheitspathos und der Tabuisierung von Kritik, wird es morgen zu spät sein. Faschismus beginnt selten mit Panzern auf den Straßen. Er beginnt mit Worten, mit Gruppendruck, mit der Normalisierung von Angriffen auf unabhängige Stimmen und mit der Heiligsprechung von Parolen.

Ich schreibe das nicht, um diese Bewegung zu schwächen. Ich will an eine alte Gefahr erinnern: Freiheit entsteht niemals durch das Ersticken des Denkens.

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