Deutsche Version
Es geht nicht um Identität, es geht um Werte
Warum hören wir nicht auf zu protestieren?
Seit einiger Zeit wiederholt sich jedes Mal dieselbe Reaktion, sobald Kritik an monarchistischen Positionen oder an einer Rückkehr der Pahlavis geäußert wird:
Die Kritiker seien „links“. Und weil „links sein“ für sie angeblich zu einer Identität geworden sei, seien sie nicht bereit, von ihren Positionen abzurücken.
Auf den ersten Blick klingt diese Erklärung plausibel. Doch bei genauerem Hinsehen ist sie politisch ungenau und inhaltlich irreführend.
Zunächst einmal definieren sich viele der Menschen, die heute den Pahlavi-Diskurs kritisieren, selbst gar nicht als „links“. Auch ihre Anliegen sind nicht zwingend klassische linke Positionen: Menschenrechte, Machtkonzentration, Ausschluss von Opposition, fehlende Rechenschaftspflicht, Freiheit, Geschlechtergerechtigkeit, Demokratie. Das sind keine speziellen ideologischen Standpunkte. Das sind grundlegende Werte.

Warum also werden all diese Stimmen unter dem Etikett „links“ zusammengefasst?
In der politischen Sprache eines Teils der Monarchisten ist „links“ längst keine konkrete Position im politischen Spektrum mehr. Es bedeutet praktisch: jeder, der nicht mit uns ist.
Ein kritischer Liberaler? Links.
Ein moderater Republikaner? Links.
Eine unabhängige Feministin? Links.
Jemand, der einfach Fragen stellt? Links.
Hier beschreibt „links“ nichts mehr. Es dient der Delegitimierung. Es ist zu einer politischen Beschimpfung geworden.
Wenn man das politische Spektrum stark vereinfacht betrachtet, zeigt sich: Große Teile der heutigen monarchistischen Szene bewegen sich sehr nah am äußersten rechten Rand. Wer selbst ganz rechts steht, nimmt alles außerhalb der eigenen Position als „links“ wahr. Nicht weil es tatsächlich links ist, sondern weil es relativ zur eigenen Perspektive links erscheint.
In dieser Logik gilt dann:
- Menschenrechtsaktivisten = links
- kritische Liberale = links
- moderate Republikaner = links
- Menschen, die über Demokratie sprechen = links
- unabhängige Feministinnen = links
Dabei sind viele dieser Personen weder klassische Linke noch identifizieren sie sich überhaupt politisch so. Sie stehen schlicht außerhalb des monarchistischen Diskurses.
Damit ist dieser Vorwurf für viele faktisch falsch, unabhängig davon, ob Politik für sie identitätsstiftend ist oder nicht.

Wichtig ist außerdem: Diese Art der Kritik ist keineswegs neu. Dasselbe Muster taucht seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Bewegungen auf.
Genau diese Argumentation hören wir seit langem über Feministinnen:
Dass Feminismus für sie zur Identität geworden sei.
Dass sie „zu stur“ seien.
Dass sie nicht kompromissfähig seien.
Für viele Akteurinnen zivilgesellschaftlicher Bewegungen ist diese Rhetorik altbekannt.
Susan Faludi zeigt in ihrem Buch Backlash, wie dominante Diskurse immer wieder versuchen, Bewegungen zu entpolitisieren, sobald diese auf ihren Grundwerten bestehen. Statt sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, wird die Kritik psychologisiert: Nicht mehr das Argument zählt, sondern die Frage, warum jemand „so empfindlich“ reagiert.
Dasselbe Muster findet sich in der US-Bürgerrechtsbewegung. Martin Luther King Jr. wurde regelmäßig als „zu radikal“, „zu emotional“ oder „realitätsfern“ dargestellt. Anstatt strukturellen Rassismus zu thematisieren, wurden die Protestierenden selbst zum Problem erklärt.
Auch in neueren antirassistischen Bewegungen wie Black Lives Matter tauchte dieselbe Erzählung auf: Die Aktivisten seien „identitätsfixiert“, würden „die Gesellschaft spalten“ oder „zu sehr auf ihr eigenes Leid fokussieren“.
Das Muster ist immer gleich: Statt auf Kritik zu antworten, wird der Kritiker delegitimiert.
Diese Verschiebung vom Inhalt zur Person ist eine alte Technik. Und genau dieser Mechanismus ist heute auch im iranischen politischen Diskurs aktiv.
Anstatt konkrete Fragen zu Machtkonzentration, Ausschluss von Opposition, Sprache der Bewegung oder Führungsansprüchen zu beantworten, heißt es schlicht: Die Kritiker sind „links“. Linke seien „identitätsorientiert“. Deshalb würden sie nicht nachgeben. Und damit wird implizit suggeriert, sie hätten kein Recht, Raum einzunehmen oder laut zu sein.
Doch für viele dieser Menschen geht es nicht um Identität. Es geht um Prinzipien.
Hier passiert eine zentrale Verwechslung.
Monarchisten behaupten, Kritiker seien links und hielten deshalb aus Identitätsgründen an ihren Positionen fest. In Wirklichkeit zeigt sich oft das Gegenteil: Für viele Pahlavi-Anhänger ist Monarchie selbst ein Identitätsprojekt geworden. Sie definieren sich über diese Vorstellung und erleben jede Kritik daran als persönlichen Angriff.
Für viele Kritiker hingegen geht es nicht um politische Selbstdefinition, sondern um Werte.
Identität heißt: Wer bin ich.
Werte heißen: Wofür stehe ich.
Das ist nicht dasselbe.
Man kann sich links, rechts, liberal oder gar nicht verorten. Entscheidend ist, wie man zu Macht, Gewalt, menschlicher Würde und Freiheit steht.
Die Kritik an Pahlavismus entsteht nicht, weil „links sein“ zur Identität geworden wäre. Sie entsteht, weil Menschen nicht bereit sind, fundamentale Prinzipien aufzugeben:
- Ablehnung von Gewalt
- Sensibilität gegenüber Machtkonzentration
- Zurückweisung militärischer und sicherheitsstaatlicher Logik
- Verteidigung menschlicher Würde
- Demokratie
- Minderheitenrechte
Das ist eine ethische Entscheidung.
Es geht nicht darum, bei Positionswechseln die eigene Identität zu verlieren. Es geht darum, sich bewusst zu entscheiden, die eigenen Werte nicht zu verraten. Weil das eigene Denken wichtiger ist als ein Ziel um jeden Preis.
Und hier liegt vielleicht der tiefste Konflikt. Wer Werte opfert, um ein Ziel zu erreichen, verändert dieses Ziel selbst. Eine Freiheit, die durch Ausschluss entsteht, ist keine Freiheit. Eine Gerechtigkeit, die aus Ungerechtigkeit hervorgeht, verliert ihren Sinn.
All das wäre vielleicht theoretisch, wenn wir nicht in einem historischen Moment lebten.
Viele Menschen sind erschöpft, wütend, verletzt. Es ist verständlich, dass sie nach schnellen Lösungen suchen. Nach einfachen Antworten. Nach einem Retter. Einer Fahne. Einem König. In solchen Zeiten wird die Versuchung groß, Prinzipien beiseitezuschieben. Man sagt: Jetzt zählt nur das Ziel. Später korrigieren wir das. Doch genau hier entscheidet sich der Verlauf der Zukunft.
Wenn Werte vorübergehend suspendiert werden.
Wenn Gewalt gerechtfertigt wird.
Wenn Ausschluss „für ein höheres Gut“ normalisiert wird.
Dann beginnt sich das Ziel still zu verändern.
Pahlavismus-Kritiker sagen nicht: Lasst uns nichts tun.
Sie sagen: Lasst uns nichts tun, was uns morgen zwingt, mit noch höheren Kosten von vorne zu beginnen.
Und vielleicht sollte man genau hier noch einmal zur Ausgangsbehauptung zurückkehren:
Dass Kritiker nicht nachgeben, weil „links sein“ ihre Identität sei. Nein. Viele geben nicht nach, weil sie Menschlichkeit nicht dem Sieg opfern wollen. Weil sie keine hohle Freiheit mit einer Sprache des Ausschlusses aufbauen wollen. Weil sie nicht bereit sind, im Namen von morgen das Heute zu entwerten.
Das ist alles.