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„Frau, Leben, Freiheit“: Vom Aufstand zum konsumierbaren Symbol

Was bleibt, wenn aus einer Bewegung eine Marke wird

Meiner Ansicht nach ist am vierten Jahrestag des Aufstands „Frau, Leben, Freiheit“ nicht mehr die wichtigste Frage, welche Errungenschaften diese Bewegung hervorgebracht hat. Für mich ist die entscheidendere Frage, ob wir „Frau, Leben, Freiheit“ überhaupt verstanden haben.

Bewegungen scheitern nicht zwangsläufig daran, dass sie auf der Straße niedergeschlagen werden. Manchmal kann eine Bewegung unterdrückt werden, während ihre Ideen noch Jahrzehnte weiterleben. Und manchmal geschieht das Gegenteil: Man kann den Namen einer Bewegung am Leben halten, ihren Slogan wiederholen, ihre Bilder auf Wänden, T-Shirts und in sozialen Netzwerken bewahren und gleichzeitig ihre Bedeutung so sehr aus ihrem historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang lösen, dass von der Bewegung selbst am Ende kaum mehr als ein ungefährliches Symbol übrig bleibt.

Meine Sorge um „Frau, Leben, Freiheit“ gehört eher zur zweiten Kategorie.

Diese Bewegung ist heute weniger vergessen als vereinfacht worden und weniger gescheitert als konsumiert worden. Vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass manche heute weiterhin von „Frau, Leben, Freiheit“ sprechen können und gleichzeitig politische Positionen vertreten, die mit der inneren Logik genau dieser drei Worte in deutlichem Widerspruch stehen. Um diesen Widerspruch zu verstehen, müssen wir zum Anfang zurückgehen.

Eine Bewegung, die nicht im September 2022 geboren wurde

Der Tod von Jina Mahsa Amini war nicht der Beginn einer Geschichte. Er war der Moment, in dem eine lange angesammelte Geschichte plötzlich sichtbar wurde. Wenn wir „Frau, Leben, Freiheit“ lediglich als Reaktion der iranischen Gesellschaft auf den Tod einer jungen Frau im Gewahrsam der sogenannten Sittenpolizei verstehen, verlieren wir von Anfang an einen großen Teil ihrer Bedeutung. Was im Herbst 2022 explodierte, war nicht das Produkt einiger Tage oder Monate. Dahinter standen Jahrzehnte des Ringens um den weiblichen Körper, um den Hijab, um Familie, Universität, öffentlichen Raum, Recht, Geschlecht, Religion, individuelle Freiheit, das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern, ethnische Zugehörigkeit, Zentrum und Peripherie und letztlich um das Recht des Menschen, über die Form seines eigenen Lebens zu bestimmen.

Der Widerstand iranischer Frauen gegen die staatliche Kontrolle ihres Körpers und ihrer Kleidung hatte unmittelbar nach der Revolution von 1979 begonnen. In den folgenden Jahrzehnten nahm dieser Widerstand unterschiedliche Formen an, von juristischen Kämpfen und zivilgesellschaftlichen Kampagnen bis hin zu kleinen, alltäglichen und dennoch dauerhaften Formen des Ungehorsams. Die Studentenbewegung, die Frauenbewegung, die Kampagne „Eine Million Unterschriften“, die Grüne Bewegung, die „Mädchen der Revolutionsstraße“ und die wirtschaftlichen und politischen Proteste der folgenden Jahre wurden jeweils Teil der politischen Erfahrung einer Gesellschaft, deren Verhältnis zur Macht sich schrittweise verändert hatte.

Auch neuere Forschungen zu dieser Bewegung betonen genau diese Kontinuität. Manche analysieren sie im Zusammenhang mit einer jahrzehntelangen Erweiterung des Verständnisses von Bürgerschaft und zivilem Ungehorsam in der iranischen Gesellschaft und nicht als isoliertes Ereignis, das 2022 plötzlich entstanden wäre.

Das ist wichtig, denn genau in diesem Zusammenhang muss die Authentizität von „Frau, Leben, Freiheit“ verstanden werden. Diese Bewegung war kein importiertes Modell, das plötzlich über die iranische Gesellschaft gestülpt wurde. Ihre Sprache entstand aus den gelebten Erfahrungen genau dieser Gesellschaft.

Von „Jin, Jiyan, Azadî“ zu „Frau, Leben, Freiheit“

Die kurdische Herkunft des Slogans „Jin, Jiyan, Azadî“ ist ein wichtiger Teil seiner Geschichte, und diese Herkunft auszublenden würde bedeuten, die Geschichte der Bewegung zu verfälschen. Der Slogan hatte bereits vor 2022 eine Geschichte in kurdischen Bewegungen und insbesondere in den Kämpfen kurdischer Frauen. Nach Jinas Tod wurde er im iranischen Kurdistan sehr schnell zu einer der zentralen Protestparolen und verbreitete sich anschließend im ganzen Land.

Um jedoch zu verstehen, was im Iran geschah, reicht diese Erklärung nicht aus. Bisweilen wird über diese Bewegung so gesprochen, als sei ein „kurdischer“ Slogan in einen „iranischen“ Raum eingedrungen und anschließend dort verbreitet worden. Diese Vorstellung ist von Grund auf problematisch, weil sie „kurdisch“ und „iranisch“ gegeneinanderstellt.

Kurden sind Teil der Geschichte, Kultur und des iranischen Zivilisationsraums. Iranität war schon immer mehr als ein enger, zentralistischer Nationalismus und kann nicht im Gegensatz zu kurdischer, belutschischer, aserbaidschanischer oder anderer ethnischer Identität definiert werden. Iranität umfasst genau diese Identitäten. „Jin, Jiyan, Azadî“ kam also nicht von außerhalb in den Iran, sondern breitete sich von einem Teil iranischer Erfahrung auf andere Teile dieser Erfahrung aus.

Was danach geschah, ist jedoch entscheidend: Die Bewegung definierte den Slogan neu. „Frau, Leben, Freiheit“ blieb keine bloße Übersetzung von drei Begriffen. Die iranische Gesellschaft nahm diese Worte auf, füllte sie mit unterschiedlichen Erfahrungen und erweiterte ihre Bedeutung. Eine kurdische Frau aus Saqqez, eine Studentin aus Teheran, ein Demonstrant aus Belutschistan, eine Schülerin, ein Arbeiter, ein Künstler, eine Mutter, die Gerechtigkeit für ihr getötetes Kind fordert, Angehörige der urbanen Mittelschicht oder ein junger Mann, der sich zuvor vielleicht nie als Teil einer Frauenbewegung gesehen hatte, sie alle konnten Teile ihrer eigenen Erfahrung in diesen drei Worten wiederfinden. Im Verlauf der Bewegung wurde aus einer spezifischen Erfahrung eine gemeinsame Sprache. Und vielleicht lässt sich gerade deshalb sagen, dass „Frau, Leben, Freiheit“ eine der iranischsten Bewegungen der vergangenen hundert Jahre war. Eine Iranität, die sich nicht in Einheitlichkeit zeigte, sondern in der Fähigkeit, aus Unterschieden etwas Gemeinsames zu schaffen.

In vielen politischen Bewegungen der vergangenen hundert Jahre im Iran bestimmten Ideologie, Partei, Führungsfigur, soziale Klasse oder eine konkrete Vorstellung vom gewünschten politischen System von Beginn an einen großen Teil ihrer Identität. „Frau, Leben, Freiheit“ nahm in vieler Hinsicht einen anderen Weg. Statt mit einem theoretischen Manifest zu beginnen und anschließend die Gesellschaft umfassen zu wollen, begann die Bewegung mit dem Leben, mit dem Körper, mit der Straße, mit dem Recht auf Wahlfreiheit, mit alltäglicher Demütigung, mit verbotener Freude, mit Universität, Tanz, Liebe, Sprache, Armut, Unterdrückung und mit dem Recht auf ein gewöhnliches Leben. Vielleicht ist das wichtigste Wort dieses Slogans, und gleichzeitig das Wort, das am wenigsten ernst genommen wurde, genau das Wort in der Mitte: Leben.

„Leben“ als Geist des Slogans, nicht als Randbegriff

„Frau“ war im Kontext der iranischen Protestbewegung relativ leicht zu verstehen. Auch „Freiheit“ war für viele verständlich. Aber „Leben“ ist weit mehr als ein poetisches Wort zwischen diesen beiden. Leben bedeutet in diesem Slogan das Recht auf den eigenen Alltag. Die Bewegung sagte nicht nur, Frauen sollten das Recht haben, ihr Kopftuch abzunehmen. Sie sagte, der Mensch müsse selbst über die Form seines Lebens entscheiden können, über seinen Körper, seine Kleidung, seine Liebe, seine Beziehungen, seine Arbeit, seine Musik, seine Präsenz auf der Straße, seine Freude, seine Sprache, seine Identität und seine Zukunft.

An der Oberfläche richtete sich die Bewegung gegen den Zwangshijab, aber der Zwangshijab war lediglich eine der sichtbarsten Verkörperungen eines viel größeren Problems: des Anspruchs des Staates, bis in die privatesten Bereiche menschlicher Existenz einzudringen und zu definieren, was ein „richtiges Leben“ zu sein hat. Aus dieser Perspektive war das Ablegen des Kopftuchs nicht nur eine Forderung nach einer anderen Kleiderordnung, sondern die Rückeroberung eines Bereichs des Lebens aus den Händen der Macht.

Genau das erklärt, warum diese Bewegung weit über die Frage des Hijabs hinausgehen konnte. Wäre es nur um Kleidung gegangen, hätte sie niemals einen so breiten Teil der Gesellschaft erreichen können. Ihre Kraft lag darin, eine umfassendere gemeinsame Erfahrung auszudrücken: die Erschöpfung darüber, dass Politik in jede Ritze des Lebens eingedrungen war.

In einer akademischen Analyse wurde genau dieser „Wunsch nach einem normalen Leben“ als eines der zentralen Elemente des Aufstands beschrieben. Doch genau an diesem Punkt taucht eine andere Frage auf: Was geschah mit dieser Komplexität, als die Bewegung die Grenzen des Iran überschritt und in den westlichen medialen und politischen Raum eintrat?

Was sieht der Westen?

Viele Menschen im Westen unterstützten die Proteste im Iran aufrichtig. Frauen und Männer gingen in verschiedenen Ländern auf die Straße, Journalisten, Wissenschaftler, Menschenrechtsaktivisten und iranische Diaspora-Gemeinschaften versuchten, den Stimmen der Protestierenden Gehör zu verschaffen. Deshalb wäre es sowohl unfair als auch analytisch unpräzise, vom „Westen“ als einem vollkommen einheitlichen Block zu sprechen. Das Problem liegt woanders. Es geht um einen Mechanismus, der sich in Teilen westlicher Mainstream-Medien, offizieller Politik und öffentlicher Kultur immer wieder zeigt, wenn Bewegungen außerhalb des Westens betrachtet werden: Damit eine Bewegung gesehen wird, muss sie zuerst übersetzt werden, und Übersetzung ist nie vollkommen neutral.

Für ein westliches Publikum war das Bild einer jungen Frau, die ihr Kopftuch abnimmt, sofort verständlich. Frau gegen Zwangshijab. Frau gegen Religion. Individuum gegen autoritären Staat. Junge Generation gegen alte Geistliche. Der weibliche Körper gegen das Patriarchat. All diese Elemente existierten tatsächlich innerhalb der Bewegung. Das Problem begann dort, wo sie nicht mehr als Teil der Wahrheit verstanden wurden, sondern als die gesamte Wahrheit.

Das, was in das westliche begriffliche Raster passte, wurde hervorgehoben. Das, was schwieriger zu übersetzen war, trat in den Hintergrund und wurde allmählich vergessen. Aus einer komplexen, historischen und vielschichtigen Bewegung wurde eine einfachere Geschichte: Iranische Frauen wollen frei sein, ihr Kopftuch abnehmen und sich Werten annähern, die ein westliches Publikum bereits als „Freiheit“ kennt. Diese Darstellung ist nicht unbedingt falsch, aber sie ist unvollständig. Und manchmal entstehen die gefährlichsten Verzerrungen nicht aus Lügen, sondern aus Teilwahrheiten, die an die Stelle der gesamten Realität treten.

Eine Bewegung konsumieren

Medien müssen die Welt vereinfachen, um sie erzählen zu können. Aber wir sollten immer fragen, was bei dieser Vereinfachung übrig bleibt und was verschwindet. Im Fall von „Frau, Leben, Freiheit“ wurde die Bewegung sehr schnell zu einer Sammlung konsumierbarer Zeichen: brennende Kopftücher, abgeschnittene Haare, Gesichter junger Frauen, Hashtags, künstlerische Performances, Plakate, Parolen und erschütternde Bilder.

Diese Bilder waren authentisch, viele von ihnen standen tatsächlich für entscheidende Momente des Widerstands. Aber eine Bewegung wird in dem Moment konsumiert, in dem ihr Bild von seinem Hintergrund getrennt wird. Wenn es nicht mehr nötig ist zu wissen, wie diese Gesellschaft an diesen Punkt gelangt ist. Wenn es nicht mehr nötig ist, die Geschichte der iranischen Frauenbewegung zu kennen. Wenn gesellschaftliche, soziale und generationelle Veränderungen nicht mehr berücksichtigt werden müssen. Wenn Kurdistan und Belutschistan nur noch als Orte erscheinen, an denen Protest stattgefunden hat, und nicht als Teile der historischen und politischen Struktur des Problems. Wenn der Protest iranischer Frauen nur so lange interessant ist, wie er sich in das vertraute Bild der orientalischen Frau einfügt, die sich von Tradition befreit.

Dann kann Unterstützung gleichzeitig mit Verzerrung stattfinden. Der Westen kann eine Bewegung unterstützen und sie gleichzeitig in etwas verwandeln, das für ihn selbst leichter verständlich ist. Und dieses Problem betrifft nicht nur den Iran. In vielen Teilen der Welt erhalten politische Bewegungen dann besondere westliche Aufmerksamkeit, wenn sie sich in vertraute Kategorien einordnen lassen: Demokratie, Frauenrechte, Minderheitenrechte, sexuelle Freiheit, Säkularismus, freie Wahlen, Menschenrechte. Begriffe, auf die der Westen häufig so blickt, als besitze er ihre Deutungshoheit. Diese Begriffe sind an sich nicht das Problem. Das Problem beginnt dort, wo sie zum Maßstab werden, anhand dessen die Legitimität anderer im Verhältnis zum Westen beurteilt wird.

Übereinstimmung mit liberalen westlichen Werten bedeutet nicht, westlich zu sein

Diese Unterscheidung ist entscheidend, um „Frau, Leben, Freiheit“ zu verstehen. Dass einige Forderungen iranischer Frauen mit liberalen Werten westlicher Gesellschaften übereinstimmen, bedeutet nicht, dass diese Forderungen westlichen Ursprungs sind. Eine iranische Frau muss nicht John Stuart Mill gelesen haben, um über ihren eigenen Körper bestimmen zu wollen. Sie muss kein europäisches Säkularisierungsprojekt verinnerlicht haben, um gegen den Zwangshijab zu sein. Sie muss keine europäische Frau imitieren, um rechtliche Gleichheit zu fordern. Menschen können aus ihrer eigenen Erfahrung heraus zu Freiheit gelangen. Gesellschaften können ohne Anleitung von außen verstehen, dass sie Demütigung nicht wollen, Zwang nicht wollen und selbst über ihr Leben bestimmen wollen.

Umso erstaunlicher ist es, dass zwei vollkommen gegensätzliche Erzählungen über „Frau, Leben, Freiheit“ genau an diesem Punkt zusammenfinden. Die Islamische Republik sagt: Diese Bewegung ist ein Produkt des Westens. Die westliche Erzählung spricht wiederum oft so über die Bewegung, als würden sich die Menschen im Iran westlichen Werten annähern.

Die erste sagt: Diese Forderungen gehören nicht euch, sie wurden euch von außen eingeredet. Die zweite sagt: Diese Forderungen sind wertvoll, weil sie unseren Werten ähneln.

Beide Erzählungen ignorieren auf unterschiedliche Weise iranische Handlungsmacht. Beide tun sich schwer damit, zu akzeptieren, dass eine Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte und Erfahrung eine eigene Sprache der Freiheit hervorbringen kann.

Wer hat den Westen zum Richter der Welt gemacht?

Vielleicht ist das die grundlegendere Frage. Warum müssen politische Bewegungen in anderen Teilen der Welt zunächst eine Prüfung westlicher Werte bestehen, bevor sie als unterstützenswert gelten? Wer hat festgelegt, dass Geschichte durch ein westliches Fenster betrachtet werden muss?

Diese Frage bedeutet nicht, moralischen Relativismus zu verteidigen. Es geht nicht darum, Folter, Unterdrückung, Diskriminierung oder Menschenrechtsverletzungen damit zu rechtfertigen, dass sie in einem anderen kulturellen Kontext stattfinden. Es geht um etwas anderes: um die erkenntnistheoretische Position des Westens.

Über Jahrhunderte hinweg stand der Westen so stark im Zentrum globaler Wissensproduktion, Medienmacht und politischer Macht, dass häufig unausgesprochen angenommen wird, politische Begriffe müssten letztlich in seine Sprache übersetzt werden, um verständlich zu sein.

Als wäre Demokratie nur dann wirklich Demokratie, wenn sie eine westliche Form annimmt. Als wäre Feminismus nur dann legitim, wenn er sich in die Grammatik westlichen Feminismus einfügt. Als wäre Freiheit nur dann erkennbar, wenn sie der historischen Erfahrung Europas oder Nordamerikas ähnelt. Als wäre eine politische Bewegung nur dann unterstützenswert, wenn sie sich in eine bereits vorhandene Kategorie einordnen lässt. Aber warum?

Warum sollte eine Gesellschaft wie der Iran, mit Jahrtausenden von Geschichte, mit Konstitutioneller Revolution, Autoritarismus, Besatzung, Staatsstreich, Revolution, Krieg, Reformbewegungen, Frauenbewegung, Studentenbewegung, Grüner Bewegung, wirtschaftlichen Protesten, Sanktionen und unzähligen Schichten politischer und gesellschaftlicher Erfahrung ausschließlich durch ein äußeres begriffliches System erklärt werden?

Der Iran braucht für die Produktion eines Begriffs von Freiheit keine Bestätigung des Westens. Freiheit kann in jeder Gesellschaft ihre eigene historische Sprache entwickeln. Und eine der großen Leistungen von „Frau, Leben, Freiheit“ bestand genau darin: eine lokale, zeitgenössische und zugleich universelle Sprache der Befreiung zu formulieren. Universalität ist nicht gleich Westlichkeit.

Die iranische Frau wollte nicht zur westlichen Frau werden

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse von außen. Die iranische Frau erklärte mit „Frau, Leben, Freiheit“ nicht, dass sie einem idealisierten Bild einer freien westlichen Frau entsprechen wolle. Sie sagte nicht, dass sie ihre eigene kulturelle Identität ablegen wolle oder dass der Westen das historische Endziel ihrer Entwicklung sei. Sie sagte etwas Einfacheres und gleichzeitig Radikaleres: Ich gehöre mir selbst.

Dieser Anspruch braucht weder die Zustimmung von Paris noch von London, Berlin oder Washington. Der Wert der Freiheit iranischer Frauen hängt nicht davon ab, wie sehr sie westlichen Werten ähnelt. Und wenn der Westen Bewegungen wie „Frau, Leben, Freiheit“ tatsächlich unterstützen will, sollte er gelegentlich der Versuchung widerstehen, sie sofort in seine eigene Sprache zu übersetzen. Echte Unterstützung bedeutet nicht zwangsläufig, sich die Bedeutung des anderen anzueignen. Manchmal muss man dem anderen erlauben, sich selbst zu definieren.

Eine Bewegung kann auch durch ihre Bewunderung zerstört werden

Wir stellen uns den Feind einer Bewegung normalerweise als jemanden vor, der gegen sie kämpft. Aber so einfach ist es nicht. Eine Bewegung kann auch dadurch ihrer Bedeutung beraubt werden, dass man ein unvollständiges Bild von ihr übermäßig feiert. Man kann sie auf Magazincover drucken, den Mut ihrer Frauen bewundern, um ihre Opfer trauern, Menschenrechtspreise vergeben, ihre Parolen auf öffentliche Gebäude projizieren und sich gleichzeitig weigern, ihre tiefere Logik zu verstehen.

Vielleicht ist das eine subtilere Form politischen Konsums: Eine Bewegung hat so lange Wert, wie sie mit unserer eigenen Agenda vereinbar ist. Der Teil, der unserer Erzählung nützt, wird verstärkt, der Rest verschwindet. Und wenn sich die politischen Prioritäten ändern, wird selbst die ursprüngliche Bewegung beiseitegeschoben, während ihr Name weiterhin in Slogans auftaucht, bis er zu einem Hintergrundrauschen geworden ist. Doch die Gesellschaft, die diese Bewegung hervorgebracht hat, lebt weiterhin mit ihren Ursachen.

Eine der iranischsten Bewegungen, gerade wegen ihrer Vielfalt

Vielleicht erklärt genau das, warum „Frau, Leben, Freiheit“ als eine der iranischsten Bewegungen der Gegenwart verstanden werden kann. Nicht, weil alle Beteiligten über die politische Zukunft des Iran einer Meinung gewesen wären. Nicht, weil alle derselben Ideologie gefolgt wären. Nicht, weil sie dieselbe Vorstellung von Iran, Freiheit, Religion, Säkularismus oder Revolution gehabt hätten. Die vergangenen vier Jahre haben deutlich genug gezeigt, dass das nicht der Fall war.

Sondern weil diese Bewegung es für einen kurzen, aber historischen Moment schaffte, eine extrem vielfältige Gesellschaft unter einem gemeinsamen Horizont zusammenzubringen, ohne ihre Unterschiede vollständig auszulöschen. Der Slogan blieb kurdisch und wurde iranisch. Frauen standen im Zentrum und dennoch ging die Bewegung weit über Frauen hinaus. Sie war stark von der jungen Generation geprägt und zog zugleich andere Generationen mit hinein. Sie war in Teheran sichtbar und nahm in Kurdistan und Belutschistan besonders intensive und eigene Formen an. Ihre Forderungen waren zivilgesellschaftlich und stellten gleichzeitig die politische Struktur selbst infrage. Sie rief nach Freiheit, ohne Freiheit vom Leben zu trennen.

Das ist entscheidend, denn gerade deshalb konnte „Frau, Leben, Freiheit“ viele der erschöpften Gegensätze iranischer Politik zumindest zeitweise überschreiten: islamisch oder säkular, reformistisch oder oppositionell, links oder rechts, Zentrum oder Peripherie, Frau oder Mann, Ethnie oder Nation.

In ihren stärksten Momenten versuchte die Bewegung nicht, die eine Seite die andere verschlingen zu lassen. Sie machte die Möglichkeit eines anderen Gemeinsamen sichtbar.

Natürlich war dieser Zustand weder vollkommen noch dauerhaft. Konflikte traten sehr schnell wieder hervor, insbesondere außerhalb des Iran. Auch in Teilen der iranischen Diaspora zeigten sich schwere Spannungen, antidemokratische Tendenzen, monarchistische Nostalgie und Versuche, die Symbole der Bewegung politisch zu vereinnahmen. Vielleicht begann genau dort eines unserer größten Probleme.

Von der Bewegung zur Marke

Es ist fast unvermeidlich, dass mit der schnellen globalen Symbolisierung einer Bewegung auch das Risiko ihrer Aneignung steigt. Jeder kann einen Teil von ihr auswählen und den Rest verwerfen. Ein westlicher Politiker kann von „Frau, Leben, Freiheit“ sprechen und gleichzeitig eine Politik unterstützen, deren Auswirkungen auf das „Leben“ der Menschen im Iran niemals Thema werden. Eine oppositionelle Gruppe kann den Slogan in ihr Profil schreiben und gleichzeitig andere Iraner mit einer Sprache der Erniedrigung, Ausgrenzung und Drohung behandeln. Ein Monarchist kann den Slogan einer horizontalen, führungslosen und pluralen Bewegung wiederholen und zugleich die politische Zukunft des Iran um die Rückkehr einer Person und der Monarchie organisieren. Und schließlich kann ein ganz gewöhnlicher Mensch „Leben“ rufen und gleichzeitig einen Krieg begrüßen, dessen Kosten vom Leben der Menschen im Iran getragen werden.

Man kann für die Freiheit des Iran applaudieren und gleichzeitig Sanktionen begrüßen, deren schwerste Last Kranke, Arbeiter, Mittelschicht und Arme derselben Gesellschaft tragen. Sobald ein Slogan von seiner eigenen Logik getrennt wird, kann fast alles darunter Platz finden. Genau in diesem Moment verwandelt sich eine Bewegung von einem ethischen und politischen Rahmen in eine Marke. Eine Marke ist flexibel, konsumierbar. Man muss ihren Inhalt nicht leben, es reicht, ihr Logo zu benutzen.

Eine Bewegung, deren Erbe vielleicht stärker vereinnahmt als besiegt wurde

In den Jahren nach 2022 wurde immer wieder gefragt: Was ist aus „Frau, Leben, Freiheit“ geworden? Ja, die Straßenproteste flauten ab. Die Repression war massiv. Tausende wurden verhaftet, Hunderte getötet und der Staat setzte seine gesamten Sicherheitsapparate ein, um die Kontrolle wiederherzustellen.

Wenn man den Erfolg einer Bewegung ausschließlich daran misst, ob sie unmittelbar einen Regierungswechsel herbeiführt, kann man sagen, diese Bewegung sei nutzlos gewesen oder, wie manche Befürworter von Monarchie und militärischer Intervention behaupten, sie habe nichts erreicht. Aber das ist eine äußerst arme Definition politischer Wirkung. Soziale Bewegungen sind nicht nur dann wirksam, wenn sie einen Präsidentenpalast besetzen. Manchmal liegt ihr Erfolg in etwas Tieferem: in etwas, das eine Gesellschaft danach nicht mehr akzeptiert.

„Frau, Leben, Freiheit“ hat das Verhältnis eines großen Teils der Gesellschaft zum Begriff des Gehorsams verändert. Dinge, die zuvor nur im Privaten ausgesprochen wurden, wurden öffentlich. Ungehorsam gegenüber dem Zwangshijab wurde von einer außergewöhnlichen und symbolischen Handlung zu einer Form alltäglichen Verhaltens. Die Sprache der jungen Generation gegenüber Autorität veränderte sich. Die politische Rolle der Frau veränderte sich. Selbst der Staat konnte mit all seinen Repressionsmitteln die Gesellschaft nicht vollständig in den Zustand vor September 2022 zurückversetzen. Manche Wissenschaftler sprechen sogar von dauerhaften kulturellen Veränderungen und vom Verlust eines Teils der ideologischen Kontrolle des Staates über den öffentlichen Raum.

Warum also sprechen manche heute über diese Bewegung, als gehöre sie bereits der Vergangenheit an? Vielleicht, weil wir ihren Begriff zu stark an den Moment der Straße gebunden haben. Wenn Bewegung Demonstration bedeutet, dann endet die Bewegung mit dem Ende der Demonstrationen. Wenn eine Bewegung jedoch eine Veränderung in der politischen Vorstellungskraft einer Gesellschaft bedeutet, wird es sehr viel schwieriger, ihr Ende festzulegen.

Wie eine Bewegung abgenutzt wird

Politische Begriffe verschleißen meist nicht durch direkte Angriffe, sondern durch bedeutungslose Wiederholung. Sie werden konsumiert. Wenn wir ein Wort so oft wiederholen, dass wir nicht mehr gezwungen sind, über seine Bedeutung nachzudenken, wird es irgendwann leer und bedeutungslos. Auch „Frau, Leben, Freiheit“ war diesem Risiko ausgesetzt. Alle sprachen davon: Politiker, Künstler, Marken, Aktivisten, Regierungen, Medien, Opposition.

Aber nur wenige fragten ernsthaft, welche politischen Konsequenzen diese drei Worte eigentlich für uns haben. Wenn „Leben“ wirklich im Zentrum der Bewegung steht, kann dann jedes Mittel legitim sein, um Freiheit zu erreichen? Wenn „Freiheit“ Befreiung von Herrschaft bedeutet, kann die Zukunft dann erneut um ererbte Autorität oder eine Retterfigur organisiert werden? Wenn die Bewegung von unten, plural und führungslos entstanden ist, kann man sie später in das Projekt der Rückkehr einer einzelnen Person oder einer Familie verwandeln? Wenn es im Kern um die Handlungsmacht der iranischen Gesellschaft ging, ist es dann logisch, genau diese Handlungsmacht an ausländische Regierungen abzugeben? Diese Fragen gehören meines Erachtens zum eigentlichen Erbe der Bewegung.

Natürlich muss man hier präzise bleiben. Man kann nicht einfach behaupten, „Frau, Leben, Freiheit“ sei offiziell antimonarchistisch, gegen Sanktionen, gegen Krieg oder eindeutig einer bestimmten Form gewaltfreien Widerstands verpflichtet gewesen. Diese Bewegung hatte kein einheitliches Manifest. In ihr waren sehr unterschiedliche Menschen und Gruppen vertreten, die über die Zukunft des Iran erheblich voneinander abwichen. Diese Vielfalt darf im Nachhinein nicht durch die Erfindung eines historischen Konsenses ausgelöscht werden. Aber daraus folgt nicht, dass die Bewegung keinerlei ethische und politische Logik hatte. Im Gegenteil, wenn wir ihre drei zentralen Begriffe ernst nehmen, dann sollten bestimmte politische Positionen zumindest eine erheblich größere Begründungslast tragen. Es geht nicht darum zu sagen, jemand, der eine bestimmte politische Strategie vertritt, habe sich automatisch von der Bewegung entfernt. Es geht darum zu fragen, ob diese Strategie mit der Logik von „Frau, Leben, Freiheit“ vereinbar ist und, wenn ja, wie.

„Leben“ und die Frage des Krieges

Eine Bewegung, die das „Leben“ ins Zentrum stellt, kann Krieg nicht auf dieselbe Weise betrachten wie ein rein machtpolitisches Projekt. Aus machtpolitischer Perspektive kann man sagen, Krieg kostet etwas, aber vielleicht erreicht man damit sein Ziel. In der Logik des Lebens sind genau diese Kosten selbst der zentrale Punkt. Wer wird getötet? Wer verliert sein Zuhause? Wer verliert Krankenhausversorgung, Strom, Wasser, Medikamente und alltägliche Sicherheit? Wer trifft die Entscheidungen über Krieg, und wer bezahlt dafür?

Das bedeutet nicht, die Verantwortung der Islamischen Republik auszublenden oder staatliche Gewalt zu verharmlosen. Aber Opposition gegen die Islamische Republik macht nicht automatisch jedes Mittel gegen sie moralisch legitim. Wenn die Befreiung der Menschen im Iran dadurch erreicht werden soll, dass genau diese Menschen zu Kollateralschäden eines ausländischen Militärprojekts werden, muss man fragen, was dann vom Wort „Leben“ übrig bleibt.

Aus dieser Perspektive ist Kriegsgegnerschaft weder sentimentale Politik noch Nachsicht gegenüber der Islamischen Republik. Sie kann im Gegenteil aus einer radikalen Lesart von „Frau, Leben, Freiheit“ hervorgehen. Wir können nicht behaupten, das Leben der Menschen sei uns heilig, und gleichzeitig ohne große Bedenken eine Politik begrüßen, die genau diese Leben zu Variablen geopolitischer Berechnungen macht.

Eine Befreiung, die vom Himmel kommen soll?

In Teilen der Opposition hat sich auf geradezu hysterische Weise die Hoffnung entwickelt, eine ausländische Macht könne den Knoten lösen, den die iranische Gesellschaft selbst bislang nicht lösen konnte. Diese Versuchung ist verständlich, aber sie ist nicht respektabel. Wenn ein Staat jede Form der Organisierung unterdrückt, zivile Führungspersönlichkeiten inhaftiert, unabhängige Medien beschränkt und die Kosten des Protests extrem erhöht, kann die Vorstellung attraktiv wirken, eine äußere Intervention könne das Machtgleichgewicht durchbrechen. Doch die Verständlichkeit eines Wunsches macht ihn noch nicht richtig.

Eine der grundlegendsten Bedeutungen von „Frau, Leben, Freiheit“ war die Rückgewinnung eigener Handlungsmacht. Die iranische Frau wartete nicht darauf, dass jemand sie befreit. Sie nahm selbst ihr Kopftuch ab und trug selbst die Konsequenzen. Die Gesellschaft brach selbst die Regeln. Wenn wir diese Bewegung ernst nehmen, müssen wir uns zumindest fragen, wie sich ein Projekt, das so stark auf individuelle und gesellschaftliche Handlungsmacht gegründet war, mit der Vorstellung vereinbaren lässt, die Freiheit des Iran müsse durch die militärische Macht eines ausländischen Staates hergestellt werden. Es geht nicht nur um das Ergebnis, sondern um die Form der Befreiung. Wer ist das handelnde Subjekt? Die Menschen im Iran oder eine Macht von außen, die sie befreien soll?

Monarchie und die Politik des Retters

Die gleiche Frage stellt sich beim Monarchismus. Hier geht es nicht darum, jeden einzelnen Monarchisten moralisch zu beurteilen, und es geht auch nicht zwangsläufig um die Frage, ob ein Bürger in einem demokratischen System das Recht haben sollte, für eine konstitutionelle Monarchie einzutreten. Es geht um den Widerspruch zwischen der Logik dieser Bewegung und der Rückkehr zu einem Modell politischer Rettung von oben.

„Frau, Leben, Freiheit“ entstand weitgehend ohne zentrale Führung. Ihre Kraft kam aus sozialen, lokalen, universitären, familiären und zivilgesellschaftlichen Netzwerken. Niemand besaß diese Bewegung. Niemand hatte das Recht, seinen Namen darunterzusetzen. Natürlich brachte diese Führungslosigkeit auch erhebliche praktische Probleme mit sich. Die Bewegung war nicht in der Lage, ohne Weiteres eine dauerhafte politische Organisation oder eine einheitliche Strategie hervorzubringen. Doch diese Dezentralität hatte zugleich eine politische Bedeutung: Das neue politische Subjekt wartete nicht auf einen Helden.

Aus dieser Perspektive muss zumindest gefragt werden, ob die Rückkehr iranischer Politik zu einer Dynastie, einem historischen Namen oder einer Retterfigur wirklich mit dem Horizont dieser Bewegung vereinbar ist. Auch Beobachtungen aus Teilen der iranischen Diaspora zeigen, dass die Rückkehr zu Nostalgie für die Zeit vor 1979 und das Bild eines „verlorenen goldenen Zeitalters“ zu den zentralen Spannungen der Jahre nach dem Aufstand gehören.

Es geht nicht darum, die iranische Vergangenheit zu tabuisieren oder Diskussionen über die Pahlavi-Zeit zu verbieten. Es geht um die Frage, ob eine Bewegung, deren Horizont die Entstehung eines neuen politischen Subjekts war, letztlich auf die Wiederherstellung einer früheren Ordnung hinauslaufen sollte.

Gewalt und die Versuchung des „ernsthafteren Weges“

Nach dem Abflauen der Straßenproteste wurde ein Satz immer wieder wiederholt: Friedlicher Widerstand funktioniert nicht. Diese Schlussfolgerung ist nachvollziehbar. Wenn Menschen unbewaffnet auf die Straße gehen und der Staat mit Kugeln antwortet, kann ein Appell an Gewaltfreiheit sogar beleidigend wirken. Aber aus dem Scheitern einer Phase des Widerstands folgt nicht automatisch, dass Gewalt die Lösung ist.

„Frau, Leben, Freiheit“ gewann einen großen Teil seiner Kraft gerade daraus, Ordnung zu brechen, ohne die Gewaltlogik des Staates vollständig zu reproduzieren. Das Ablegen des Kopftuchs, Tanzen, Rufen, Streiken, Verweigern, Ungehorsam und vor allem das Beharren darauf waren keine Zeichen von Schwäche. Sie waren andere Formen von Macht.

Es geht nicht darum, Menschen unter Repression jedes Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Es geht darum, dass die Verwandlung von Gewalt in das Zentrum einer politischen Strategie auch die Gesellschaft prägt, die danach entstehen soll. Mittel sind nicht neutral. Eine Bewegung, die eine menschlichere Ordnung hervorbringen will als das System, gegen das sie kämpft, kann nicht einfach deshalb in Richtung Gewalt gehen, weil frühere Methoden gescheitert sind, ohne zugleich zu fragen, was diese Gewalt mit Menschen und mit der zukünftigen Gesellschaft macht.

Die gleiche Logik gilt für Sanktionen. Die Frage der Sanktionen ist komplex. Nicht alle Sanktionen sind gleich. Die Sanktionierung eines Funktionärs, der für Repression verantwortlich ist, ist etwas anderes als Sanktionen, die Finanzsystem, Handel, Medikamente, Produktion und Lebensunterhalt einer gesamten Gesellschaft treffen. Doch in Teilen der oppositionellen Debatte verschwimmen diese Unterschiede. Extremer wirtschaftlicher Druck wird als Mittel dargestellt, um das Regime unter Druck zu setzen, während die Frage danach, wie diese Kosten tatsächlich verteilt werden, deutlich seltener gestellt wird.

Wer gerät zuerst unter Druck? Ein Staat, der Ressourcen, informelle Netzwerke und Umgehungsmechanismen besitzt? Oder Arbeiter, Kranke, Rentner, Frauen, die um finanzielle Unabhängigkeit kämpfen, und eine Mittelschicht, die jedes Jahr weiter verarmt?

Selbst wenn man das Ziel einer Sanktion für legitim hält, zwingt uns „Leben“ dazu, nach dem Mittel zu fragen. In der Logik von „Frau, Leben, Freiheit“ sind Menschen kein Rohmaterial für ein politisches Projekt. Man kann nicht sagen, wir setzen das Leben von Millionen so lange unter Druck, bis das politische System vielleicht zusammenbricht, und danach werden sie irgendwann frei sein. Leben ist nichts, was man vorübergehend für Freiheit opfern kann. Leben ist Teil von Freiheit selbst.

Die falsche Alternative: Islamische Republik oder jedes denkbare Mittel

Eine der zerstörerischsten Folgen der Polarisierung iranischer Politik besteht darin, dass viele Debatten auf eine simple Alternative reduziert werden. Wenn du gegen einen militärischen Angriff bist, unterstützt du also die Islamische Republik. Wenn du gegen lähmende Sanktionen bist, willst du keinen Druck auf das Regime. Wenn du kein Monarchist bist, schadest du der Einheit der Opposition. Wenn du ein Problem mit der Reproduktion von Gewalt hast, nimmst du den Kampf nicht ernst.

Diese Logik widerspricht genau einer der wichtigsten Möglichkeiten, die „Frau, Leben, Freiheit“ eröffnet hat. Die Bewegung zeigte, dass man gleichzeitig entschieden Nein zur Islamischen Republik sagen und sich dennoch weigern kann, zur umgekehrten Version derselben Logik zu werden. Freiheit bedeutet nicht nur, den Gegner zu wählen, sondern auch, die Art und Weise zu wählen, wie man ihm begegnet.

Man kann die Islamische Republik zutiefst repressiv finden und gleichzeitig gegen die Bombardierung des Iran sein. Man kann das Ende des Regimes wollen und gleichzeitig Sanktionen kritisieren, die die Bevölkerung verarmen lassen. Man kann fundamentalen politischen Wandel fordern und sich dennoch gegen die Rückkehr ererbter Autorität stellen. Man kann das Recht auf Widerstand verteidigen, ohne Gewalt zu einer politischen Tugend zu machen. Das sind keine Widersprüche. Vielleicht würden sie uns sogar viel selbstverständlicher erscheinen, wenn wir „Frau, Leben, Freiheit“ wirklich tiefer verstanden hätten.

Wie Missverständnis eine Bewegung „überholt“ erscheinen lässt

Hier zeigt sich meiner Ansicht nach eine der wichtigsten Folgen der Verzerrung dieser Bewegung. Wenn wir „Frau, Leben, Freiheit“ lediglich als eine Reihe von Straßenprotesten im Herbst 2022 verstehen, können wir heute sagen: Diese Phase ist vorbei. Wenn wir die Bewegung auf das Ablegen des Kopftuchs reduzieren, können wir sagen, ihr Thema sei begrenzt gewesen und habe heute keine Relevanz mehr. Wenn wir sie ausschließlich als Aufstand der Generation Z betrachten, können wir sie nach einigen Jahren als generationelles und historisches Ereignis abhaken. Wenn wir sie zu einem Hashtag machen, dann hat auch dieser Hashtag wie jeder andere eine kurze Lebensdauer.

Und genau dann tritt ein falscher Realismus auf den Plan: Diese Methode hat nicht funktioniert. Jetzt müssen wir ernster werden. Wir müssen zurück zur Machtpolitik. Wir müssen uns vereinen, selbst um eine Figur, die mit der ursprünglichen Logik der Bewegung kaum vereinbar ist. Wir brauchen mehr Sanktionen. Vielleicht müssen wir einen ausländischen Angriff begrüßen. Vielleicht müssen wir bewaffneten Kampf ernsthaft in Betracht ziehen.

„Frau, Leben, Freiheit“ wird dann zur romantischen Phase des Widerstands, zu einer schönen, aber naiven Etappe, die wir angeblich hinter uns gelassen haben. Doch vielleicht ist genau das Gegenteil wahr. Vielleicht ist das, was uns heute überholt erscheint, noch nicht einmal ausreichend verstanden worden.

Wenn wir wirklich an „Frau, Leben, Freiheit“ festgehalten hätten, würden einige Positionen heute vielleicht nicht so randständig wirken. Gegen Krieg zu sein dürfte keine Rechtfertigung brauchen. Gegen einen ausländischen Militärangriff zu sein dürfte nicht automatisch als Unterstützung der Islamischen Republik interpretiert werden. Gegen lähmende Sanktionen zu sein dürfte nicht automatisch bedeuten, mit dem Regime verbunden zu sein. Monarchismus zu kritisieren dürfte nicht als Verrat an der „Einheit der Opposition“ gelten. Darauf zu bestehen, dass die Mittel des Kampfes in irgendeiner Beziehung zu der Gesellschaft stehen müssen, die wir aufbauen wollen, dürfte nicht als politischer Romantizismus abgetan werden.

Diese Positionen sind nicht zwangsläufig die einzig mögliche Interpretation von „Frau, Leben, Freiheit“. Aber wenn wir „Leben“, „Freiheit von Herrschaft“ und „gesellschaftliche Handlungsmacht“ ernst nehmen, erscheinen sie wesentlich natürlicher, als sie heute in Teilen des iranischen politischen Raums dargestellt werden. Die Begründungslast darf nicht immer bei demjenigen liegen, der fragt: Moment, was passiert eigentlich mit Gegenwart und Zukunft von Millionen Menschen? Genau diese Frage müsste im Zentrum von Politik stehen.

Ein Erbe, das noch nicht zu Ende ist

„Frau, Leben, Freiheit“ hat die Regierung vielleicht nicht gestürzt, konnte vielleicht keine dauerhafte politische Organisation hervorbringen und vielleicht kehrten Konflikte, Eitelkeiten, politische Konkurrenz und alte Projekte sehr schnell zurück. Aber all das bedeutet nicht, dass die Bewegung vorbei ist.

Bewegungen sind nicht immer das, was ihre Führungen planen. Manchmal verschieben sie etwas in einer Gesellschaft, das sich danach nicht mehr einfach zurückdrehen lässt. „Frau, Leben, Freiheit“ veränderte die Bedeutung von Frau in der iranischen Politik. Die Bedeutung von Gehorsam. Das Verhältnis der jungen Generation zur Macht. Die Grenze zwischen Privatleben und Politik. Und vielleicht vor allem schuf die Bewegung ein Bild von Freiheit, in dessen Zentrum nicht die zukünftige Regierung, nicht der zukünftige Führer und nicht die zukünftige Ideologie stand, sondern der lebende Mensch.

Vielleicht ist genau das ihr radikalstes Erbe: Frau, nicht als Symbol der Nation, als Mutter des Märtyrers, als „Ehre“ der Familie oder als Propagandainstrument, sondern als eigenständiges Subjekt. Leben, nicht einfach als Zeitspanne zwischen Geburt und Tod, sondern als Recht, so zu leben, wie man selbst entscheidet. Und Freiheit, nicht als Geschenk eines Staates, eines Führers oder einer ausländischen Macht, sondern als ein Recht, das ein Mensch einfordert und, vielleicht noch wichtiger, praktiziert.

Wenn wir diese drei Worte ernst nehmen, hat „Frau, Leben, Freiheit“ der iranischen Politik auch heute noch weit mehr zu sagen, als in den berühmten Bildern des Herbstes 2022 enthalten war. Vielleicht ist die Bewegung nicht gescheitert. Vielleicht haben wir sie einfach zu früh losgelassen.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem. Wir wollten zu schnell wissen: Was kommt als Nächstes? Wer ist der Führer? Was ist die Alternative? Wer soll regieren? Welche ausländische Regierung soll mehr Druck ausüben? Welche Sanktion ist wirksamer? Wann bricht das System zusammen?

Aber vielleicht hätten wir vor all diesen Fragen länger bei genau diesen drei Worten bleiben sollen und uns fragen sollen, was nicht mehr akzeptabel wäre, wenn diese drei Worte tatsächlich der Maßstab unserer Politik wären.

Vielleicht wären dann heute Kriegsgegnerschaft, Ablehnung ausländischer Intervention, Kritik am Monarchismus, Widerstand gegen die Verherrlichung politischer Gewalt und Kritik an lähmenden Sanktionen keine merkwürdigen oder randständigen Positionen. Vielleicht wären sie die natürliche Fortsetzung der Frage, die uns diese Bewegung gestellt hat: Ist der Mensch ein Mittel der Politik, oder muss Politik dem Leben des Menschen dienen?

Das ist keine einfache Frage. Aber genau deshalb ist „Frau, Leben, Freiheit“ noch nicht abgelaufen. Vielleicht ist nur unsere oberflächliche Interpretation davon abgelaufen. Und vielleicht ist das bitterste Schicksal einer Bewegung nicht, dass sie scheitert, sondern dass alle ihren Namen kennen und sich trotzdem niemand mehr daran erinnert, wie und warum sie überhaupt entstanden ist.

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