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Beobachtungen aus diesen Tagen

zwischen kollektiver Wut und eigenem Denken

Das, was ich hier festhalte, sind meine persönlichen Beobachtungen in diesen turbulenten Tagen. Ich erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch, und ich glaube nicht, dass sich daraus allgemeine Wahrheiten ableiten lassen. Ich schreibe das für später. Für den Moment, in dem wir diese Zeit hinter uns haben. Denn diese Tage werden irgendwann enden.

In dieser aktuellen Bewegung sehe ich eine intensive politische und mediale Aktivität von Menschen, die zuvor, selbst auf minimaler Ebene, in keinem sozialen Zusammenhang sichtbar waren. Nicht als Aktivist:innen, nicht als Personen mit kontinuierlicher gesellschaftlicher oder politischer Auseinandersetzung, oft nicht einmal als Menschen, die zuvor auch nur beiläufig in sozialen Medien eine erkennbare Haltung gezeigt hätten. Das ist an sich weder gut noch schlecht. Aber es fällt mir auf, weil sich die Qualität der Präsenz verändert hat.

Frühere Bewegungen hatten, unausgesprochen, eine Art Eintrittsschwelle. Eine Form von kulturellem oder intellektuellem Kapital, oder zumindest eine gedankliche Auseinandersetzung mit Begriffen wie Macht, Struktur, Unterdrückung, Widerstand, Kampf, sogar Demokratie. Unabhängig von Bildung oder sozialer Klasse kamen viele über Lesen, Gespräche, kollektive Erfahrungen oder zivilgesellschaftliches Engagement in diese Räume. Diesmal scheint dieser Filter zu fehlen. Alles wirkt offener, roher, dringlicher. Es entsteht mehr aus Reaktion als aus bewusstem Handeln und Nachdenken. Mehr aus Wut als aus Analyse. Und genau deshalb fühlen sich Menschen, die zuvor gesellschaftlich, sprachlich oder in ihrer Beziehung zum Gemeinsamen und zum Politischen eher marginalisiert waren, dieser Bewegung besonders nahe.

Wenn ich von unterschiedlichen sozialen Positionen spreche, meine ich keinesfalls menschlichen Wert oder Würde. Ich spreche von der Art der Beziehung zum Gemeinsamen und zum Politischen: davon, wer überhaupt eine eigene Stimme entwickeln konnte, wer daran gewöhnt war, gehört zu werden, wer Zugang zur Sprache der Analyse hatte, wer Erfahrungen mit ziviler Beteiligung gesammelt hat, und wer Politik vor allem direkt und körperlich erlebt hat, statt abstrakt oder theoretisch.

Manche kommen über Lesen, Schreiben und Diskussion zur Politik. Andere über Druck, Ausschluss, Instabilität und Verletzung. Diese beiden Wege formen unterschiedliche Menschen. Mit unterschiedlichen Sprachen. Mit unterschiedlichen Schwellen für Wut, Geduld und Komplexität.

In diesem Sinn spreche ich von sozialer Unterordnung. Nicht als Urteil, sondern als Beschreibung einer gesellschaftlichen Lage. Von Menschen, die weniger Zugang zu symbolischen Machtmitteln hatten: Medien, offizielle Sprache, Sichtbarkeit oder organisierte kollektive Praxis. 

Für viele ist Politik kein Denkraum, sondern eine körperliche Erfahrung. Körper, die jahrelang unter Druck standen. Körper, die Unsicherheit chronisch erlebt haben. Körper, die gelernt haben, schnell zu reagieren, weil Innehalten immer einen Preis hatte. In solchen Biografien kommt Politik nicht über Analyse, sondern über das Nervensystem. Wut, Angst, Unruhe, das Bedürfnis nach Eindeutigkeit, all das sind verständliche Antworten auf ein langfristiges Leben im Zustand der Bedrohung. Wenn eine Bewegung auf solchen Körpern aufbaut, wird auch ihre Sprache körperlich: hart, polarisiert, unmittelbar. Für Ambivalenz bleibt kaum Raum. Jede Pause wirkt wie Rückzug. Jede Frage wie Verrat.

Vor ein paar Tagen bekam ich auf Instagram, nachdem ich über gewaltfreien Widerstand und Prinzipien geschrieben hatte, heftige Rückmeldungen. Mir wurde vorgeworfen, ich spräche von oben herab. Niemand wolle solche Worte hören. Das sei moralische Selbstüberhöhung. Wer sei ich überhaupt, Menschen zu etwas einzuladen. Ich sei keine Lehrerin, keine soziale Reformerin, nur eine normale Person, ich solle zur Realität zurückkehren.

Und genau hier entsteht mein innerer Bruch. Ich sehe, dass diese Bewegung mehr vom Zerstören getragen wird als vom Aufbauen. Der Wunsch nach Zusammenbruch ist da. Aber die kollektive Vorstellung vom Danach bleibt diffus oder wird ins Fantastische verschoben. Das macht den Raum anfällig für Vereinfachung: gut oder böse, wir oder sie, mit uns oder gegen uns.

In einem solchen Klima wird Denken zum Privileg. Und Privileg wird schnell als Distanz gelesen. Vielleicht klingen meine Texte deshalb für manche herablassend, selbst wenn ich über denselben Schmerz spreche. Ich komme aus einem Raum, der an Komplexität gewöhnt ist. Ein großer Teil dieser Bewegung kommt aus einem Raum, in dem Komplexität Luxus ist. Dieser Konflikt ist nicht moralisch. Er ist nicht persönlich. Er ist strukturell.

Gestern bin ich auf ein Zitat von Adam Grant gestoßen, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Unsere höchste Loyalität gilt nicht Menschen oder Gruppen, sondern Prinzipien. Wenn wir etwas von unseren Gegnern nicht akzeptieren, sollten wir es auch von unseren Verbündeten nicht akzeptieren.“ Und der entscheidende Satz: „Integrität bedeutet, zu den eigenen Werten zu stehen, selbst dann, wenn die eigene Gruppe sie verletzt.“

Ich glaube, genau dort stehe ich. Nicht außerhalb der Bewegung. Aber auch nicht aufgelöst in ihr. Ich bin nicht bereit, verbale Gewalt, Vereinfachung oder das Auslöschen anderer Perspektiven zu übersehen, nur weil es von „der eigenen Seite“ kommt. Ich ziehe Einsamkeit dem Aussetzen des Denkens vor. Vielleicht ist es genau diese Position, die meine Stimme für manche kalt oder überlegen klingen lässt. Aber für mich ist das die einzige Form von Loyalität, die möglich ist.

Ich weiß nicht, wohin diese Revolution führt. Aber ich habe das Gefühl, dass wir es mit einer Bewegung zu tun haben, die sich in ihrer sozialen Zusammensetzung, ihrer Sprache und ihrem Verhältnis zum kritischen Denken deutlich von früheren Wellen unterscheidet. Und aus meiner Sicht ist das weniger ihre Stärke als ihre Gefahr. Menschen mit intellektuellem Kapital, mit gelebter Erfahrung von Widerstand und mit einer Bindung an Prinzipien ziehen sich zurück oder werden leise, um nicht als „nicht zugehörig“ markiert zu werden. Während jene, die aus der Geräuschkulisse heraus entstehen und von der Dynamik der Masse getragen werden, zunehmend den Körper der Bewegung bilden.

Und ich sehe mich selbst an einem Punkt, an dem ich weder Abstand zu dieser kollektiven Wut nehmen kann, noch bereit bin, das Denken der Dringlichkeit zu opfern. Vielleicht ist meine Rolle, falls es überhaupt eine gibt, genau dieses Dazwischen Ob das trägt, wird die Zukunft zeigen.

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