22 Bahnen
Wie viel Realität verträgt ein „angenehmer“ Roman über Schmerz?

„22 Bahnen“ von Caroline Wahl ist ohne Zweifel ein sehr erfolgreiches Buch. Und ich glaube, ein großer Teil dieses Erfolgs liegt genau in dem, was man dem Roman gleichzeitig auch vorwerfen kann: Er bleibt angenehm lesbar.
Der Roman bewegt sich thematisch eigentlich in einem schweren Feld. Armut, Alkoholismus, emotionale Vernachlässigung, Überforderung, parentifizierte Kinder, Einsamkeit. Trotzdem fühlt sich das Lesen selten wirklich belastend an. Schmerz erscheint hier in einer Form, die weich gefiltert ist. Selbst die Dunkelheit bleibt lesbar, ästhetisch und kontrolliert.
Tilda funktioniert gleichzeitig als Mutterfigur, große Schwester, leistungsstarke Studentin und emotionale Stütze der Familie. Doch der Roman erlaubt ihr kaum, an diesen Belastungen wirklich zu zerbrechen. Sie wird nicht grausam, nicht unfair, nicht destruktiv. Auch ihre Erschöpfung bleibt auffallend „schön“. Dasselbe gilt für Ida, die trotz ihrer schwierigen Lebensrealität fast zu klug, zu sensibel und zu liebenswert wirkt. Viktor und Ivan erscheinen ebenfalls eher wie emotional attraktive Projektionsflächen als wie tatsächlich widersprüchliche Menschen.
Gerade darin liegt für mich die größte Schwäche des Romans: Die wichtigsten Figuren sind zu fehlerlos. Ihnen fehlt jene unangenehme Widersprüchlichkeit, die Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen oft entwickeln. In dysfunktionalen Familien existieren Liebe und Gewalt, Fürsorge und Verletzung meist gleichzeitig. „22 Bahnen“ zeigt vor allem die sanftere, emotional besser konsumierbare Version davon.
Auch stilistisch passt sich der Roman dieser Lesbarkeit an. Die Sprache ist klar, reduziert und flüssig. Viele Dialoge funktionieren nach einem fast pingpongartigen Prinzip: kurze Sätze, schnelle Wechsel, wenig Reibung. Das liest sich sehr schnell und erzeugt einen starken Rhythmus, gleichzeitig wirken die Gespräche dadurch manchmal künstlich. Nicht weil Literatur realistisch sein müsste, sondern weil echte Gespräche normalerweise voller Pausen, Unsicherheiten, Abschweifungen und unausgesprochener Spannungen sind.
Teilweise entsteht durch die ständige Nennung der Figurennamen vor den Dialogen fast ein Eindruck von Theater oder Drehbuch. Vielleicht ist das eine bewusste stilistische Entscheidung, um den Text minimalistischer und unmittelbarer wirken zu lassen. Für mich funktioniert das nur teilweise. Einerseits entsteht dadurch Tempo, andererseits verliert der Roman manchmal an Tiefe und atmosphärischer Dichte.
Trotz aller Kritik verstehe ich sehr gut, warum dieses Buch so viele Menschen berührt. Nicht jede Literatur muss verstören oder intellektuell herausfordern. Gerade heute suchen viele Leserinnen und Leser eher nach emotionaler Nähe, Trost oder einem kurzen mentalen Rückzugsort als nach existenzieller Erschütterung. „22 Bahnen“ erfüllt genau dieses Bedürfnis. Der Roman ist zugänglich, emotional und angenehm zu lesen. Er verlangt dem Leser wenig psychische Härte ab.
Vielleicht liegt genau darin seine Stärke und gleichzeitig seine Grenze: „22 Bahnen“ ist ein Buch zum Mitfühlen und zum Lesen aus emotionalem Bedürfnis heraus, weniger ein Roman, der einen lange verstört, herausfordert oder das eigene Denken nachhaltig verändert.